Antike Räume und große Gefühle

01.12.2008 | Berlin
Die TU-Forschungsgruppe "Museen" im Berliner Exzellenz-Cluster "TOPOI"

"Reiseberichte, Karten, gelehrte Abhandlungen: Daraus zogen wir bis zum Ende des 18. Jahrhunderts unser Wissen über antike Kunst und Architektur", erklärt die TU-Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy, wie unser Bild von längst versunkenen Kulturen entstand. Heute halten die digitalen Medien Einzug in die Museen. Wie sich diese modernen Methoden der Wissensvermittlung auf unser Bild der Antike auswirken, erforschen TU-Wissenschaftlerinnen und TU-Wissenschaftler innerhalb des Berliner Exzellenz-Clusters "TOPOI".

"Nach den Berichten und Karten zeigten die Museen auch Modelle von antiken Tempeln aus Kork oder Holz in Tischhöhe. Und noch später baute man sogar ganze Gebäudeteile im 1:1-Maßstab nach. Berühmte Beispiele im Berliner Vorderasiatischen Museum sind das Ischtartor und der Pergamonaltar. Heute lassen die digitalen Medien die Antike im Auge des Betrachters sogar in 3-D und im landschaftlichen Kontext entstehen", erklärt die TU-Professorin weiter. Chance oder Gefahr für die Entstehung von Wissen über die Kulturen, die zu Humus und Nährboden unserer eigenen Entwicklung wurden? Darüber sind sich Kunsthistoriker und Museumsverantwortliche noch nicht einig. Das macht das Projekt der Forschungsgruppe "Museen", die die Juniorprofessorin Bénédicte Savoy koordiniert, so spannend und so dringlich.

"Museen" ist eine sogenannte Subgruppe innerhalb des ExzellenzClusters "TOPOI - Formation und Transformation von Raum und Wissen in den antiken Kulturen", an dem alle drei großen Universitäten beteiligt sind. Die Sprecherfunktion teilen sich FU Berlin und HU Berlin. In dem Teilprojekt "Museen" der TU Berlin sind auch die Direktoren und Forscher der wichtigsten deutschen Antikenmuseen, der Staatlichen Museen zu Berlin, vertreten: Beate Salie vom Vorderasiatischen Museum, Andreas Scholl von der Antikensammlung Berlin, Dietrich Wildung vom Ägyptischen Museum und Bernhard Graf vom Institut für Museumsforschung.

"Das, was kein Holzmodell und auch kein Kino vermitteln konnten, ist jetzt digitaler Alltag geworden: Troja versandet vor unseren Augen - auf Leinwänden", erklärt die Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy. Die rasante Entwicklung von 3-D-Anwendungen könnte der archäologischen Grundlagenforschung eine unerhörte Chance eröffnen. Für die Entstehung von Wissen ist es jedoch schon ein großer Unterschied, ob der Museumsbesucher räumlich und emotional vor dem realen Exponat steht - oder ob er sich mehr und mehr in einer virtuellen Parallelwelt bewegt, in bildgewaltigen Rekonstruktionen der versunkenen Welt. Es geht hier auch um große Gefühle, um die Macht der Gefühle als Werkzeug des Erkenntnisgewinns und der Wissensvermittlung über antike Räume und Objekte, um Ehrfurcht und ästhetisches Empfinden. Stört der Fußboden im British Museum, der an eine Badeanstalt der 1970er-Jahre gemahnt, die Ehrfurcht vor der antiken Weihestätte, die darauf aufgebaut ist? Wieso hält der Besucher aber den Atem an, wenn er die Antikensäle der Neuen Eremitage in St. Petersburg betritt? Sind die neuen Visualisierungsformen dagegen ernüchternd?

Die Ergebnisse sollen in die Weiterentwicklung der nationalen Museumskonzepte fließen sowie in eine Ausstellung des gesamten TOPOI-Clusters am Ende der Projektlaufzeit. Rund 500 000 Euro stehen der Gruppe "Museen" für ihre Arbeit zur Verfügung.

Quelle: Pressemeldung Technische Universität Berlin

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