Alte Küchenfliesen: 7 Tipps um Delfter Fliesen von Baumarkt-Ware zu unterscheiden

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Alte Küchenfliesen liegen voll im Trend. Doch wie unterscheiden Sie echte Delfter Kacheln von Industrieware? Delfter Fliesen besitzen ein typisches Design, verwenden individuelle Farben und Glasuren. Bis heute gelten sie als Inbegriff höchster Wohnkultur.

Wer sich als Heimwerker Küche und Bad mit historischen Fliesen ausstatten möchte, findet beim Fachhändler attraktive Wandfliesen nach historischem Vorbild. Optisch sind sie den echten Delfter Fliesen sehr ähnlich und können mit und ohne Fugen verlegt werden. Für Liebhaber stellen wenige Handwerksbetriebe original Delfter Fliesen sogar in der überlieferten Technik her. Der Baumarkt hält hingegen Industrieware bereit.

Kleine Geschichte der Delfter Fliesen

Die traditionelle „Delfter Fayence“ geht auf das 16. Jahrhundert zurück. Bereits die Wahl der Motive lässt auf die Herkunft schließen. Neben Einzelfliesen brannten die holländischen Fliesenhersteller auch großformatige Motivbilder in Fayencetechnik. Die Kacheln zeigen hauptsächlich ländliche Idylle mit Windmühlen, Grachten und Dorfpanoramen. Die blau-weißen Keramikprodukte machten Delft ab dem 17. Jahrhundert berühmt, obwohl die Fliesen in nahezu allen großen holländischen Städten hergestellt wurden. Die Blütezeit reicht bis zum Ende des 18. Jahrhunderts. Damals stattete man Kamine, aber auch ganze Küchen und Wohnräume mit Delfter Fliesen aus. Die Delfter Fayence stellte sich als Exportschlager heraus. Bald setzte auch in England, Dänemark, Russland, Schweden, Frankreich und Deutschland eine rege Produktion nach holländischem Vorbild ein. Die Fliesen waren bereits damals wertvoll. In nahezu allen Schlössern Europas begegnet uns das berühmte „Delfter Blau“. Auch heute zeugen alte Küchenfliesen in Delfter Optik vom guten Geschmack des Hausbesitzers und Antiquitätenfans statten sich gerne mit echtem „Delfter Blau“ aus.

Was zeichnet Delfter Kacheln aus?

Echte Delfter Kacheln sind am Motiv, an der Farbzusammensetzung und der Glasurart erkennbar. Typisch für Delfter Fliesen sind die Zinnglasur sowie die Verwendung von blauer Farbe auf weißem Grund. Großformatige Motivbilder aus Delfter Fliesen werden von reich verzierten, ornamentalen Kacheln umrahmt. Hier finden sich meist abstrakte, ornamentale Motive. Schon im 17. Jahrhundert zeigte sich bei Delfter Fliesen ein Realismus, der dem Geschmack des bürgerlichen Publikums entsprach. Die zinnglasierten Tonplatten wurden in den Maßen 13 × 13 cm oder 15 × 15 cm hergestellt. Originalkacheln haben häufig drei kleine Punkte in der Glasur. Diese sind Abdrücke von Dreifüßen, die beim Brennen als Abstandhalter gedient haben. Auch geschnittene Fliesen gehören zu den Delfter Originalkacheln aus dem 19. Jahrhundert, häufig in der Manufaktur „De Porceleyne Fles“ hergestellt. Bernd Senf war einer der bestimmenden Kunsthandwerker, der die Fliesenmalerei nach Vorlagen ausführte und jahrzehntelang das Maleratelier leitete. Von ihm existieren noch viele handsignierte Fliesenbilder.

So unterscheiden Sie echte Delfter Kacheln von industriellen Küchenfliesen:

Die Motive der ersten Ära sind sehr aufwendig gestaltet. Um ein Hauptmotiv gruppieren sich kleine Rand- und Eckornamente. Um die Produktionskosten gegen Ende des 17. Jahrhunderts zu senken, wurden die Zentralmotive zeitweise immer kleiner und schlichter. Man gestaltete die Kacheln nur noch einfarbig, auf Rahmen wurde gänzlich verzichtet und die Ecken wiesen nur kleine Ornamente auf. Ab dem 18. Jahrhundert verbesserten sich sowohl Farbpigmente als auch Brenntechniken und man konnte Fliesen wieder in größeren Mengen herstellen. Nun wurden sowohl das Hauptmotiv als auch die Einrahmungen wieder kunstvoller gestaltet.

Typisch für Original Delfter Fliesen:

  • Delfter Kacheln besitzen dunkel- bis hellblaue Zeichnungen
  • Zinnglasur ist typisch für Delfter Fliesen
  • zweimaliges Brennen erzeugt brillante Farben
  • die Dicke der Fliese lässt auf die Herkunft schließen
  • die Hauptmotive lassen zeitliche Eingrenzungen zu
  • die Eckmotive geben Auskunft über das Alter
  • die Oberfläche weist winzige Haarrisse auf
  • die Maße handgeformter Kacheln weichen geringfügig voneinander ab

Beliebte Ornamente: spanische Raute und italienisches Medaillon

Ab 1620 verwendete man Kandelaber- und Torbogenrahmungen. Auch chinesische Dekorationselemente wie das das Wan-Li-Eckmotiv traten auf. Diese umgaben das Hauptmotiv, das neben Tieren, Blumen und Früchten auch höfische Porträts zeigte. Ab dem 18. Jahrhundert überwogen Doppel- und Dreifachkreise oder mehreckige Rahmenbegrenzungen und blieben bis zum 19. Jahrhundert „en vogue“. Viele Delfter Fliesen kommen aber ganz ohne Einrahmung aus. Bis Mitte des 18. Jahrhunderts finden wir bis zum Rand bemalte antike / alte Küchenfliesen mit kunstvollen Landschaftsdarstellungen. Etwa um die gleiche Zeit verbreiteten sich der „Ochsenkopf“ sowie zahlreiche Blüten- und Blattmotive. Bis 1670 waren schneckenförmige Eckornamente und Viertelrosetten modern. Nicht nur das Motiv selbst, auch seine Form veränderte sich im Laufe der Zeit. Gegen Ende des 17. Jahrhunderts kamen geometrische Motive in Mode, in die Viertelsterne, Herzen oder Viertelrosetten eingearbeitet wurden. Ab dem 18. Jahrhundert wurden die Eckmotive um Kleeblätter, Federn, Blumen, unterschiedliche Blattformen sowie Varianten der Viertelrosette erweitert.

Farbe und Glasur – die Hauptmerkmale der Delfter Kacheln

Einfarbige Fliesen entsprachen dem Zeitgeist des 17. Jahrhunderts. Während im frühen 17. Jahrhundert tiefes Schwarzblau eingesetzt wurde, kam zum ausgehenden Jahrhundert das markante Hellblau, das typische „Delfter Blau“, in Mode. Danach orientierte man sich erneut an der Farbgebung chinesischen Porzellans der Kang-Hi Dynastie und verwendete kräftiges Dunkelblau. Im Rokoko hingegen kamen zarte Violetttöne auf. Antike Küchenfliesen des 17. Jahrhunderts hatten eine weiße Zinnglasur und wurden nach dem Bemalen mit einer zweiten, transparenten Bleiglasur überzogen. Die zweite Glasur gibt den Kacheln eine besondere Leuchtkraft, die auch heute ein markantes Unterscheidungsmerkmal ist. Anfang des 17. Jahrhunderts versetzte man die weiße Zinnglasur des Hintergrundes auch mit einem hellblauen Grundton, entsprechend dem chinesischen Vorbild.

Industriell gefertigte Fliesen mit der Optik alter Küchenfliesen

Der Bedarf an historischen Wandfliesen für Renovierung und Restauration ist hoch. Auch im Heimwerkerbereich hält der Trend nach antiken Küchenfliesen in der Optik echter Delfter Fayence ungebrochen an. Daher hat sich eine industrielle Produktion von Fliesen nach alten Vorbildern etabliert, die hauptsächlich für Rekonstruktionen historischer Gebäude oder die Renovierung von Altbauten benötigt werden. Dabei produziert man historische Fliesen nach altem Vorbild neu oder in leicht abgewandelter Form. Auch die Herstellung der ursprünglichen Farben ist heute kein Problem mehr.

Stärker verbreitet sind keramische Dekore zum Aufbrennen. Bei dieser Technik werden Abziehbilder auf die keramische Wandfliese gebrannt. Druckfarben und Glasur verschmelzen miteinander und die Oberfläche der Fliese wird außerordentlich widerstandsfähig. Ob typisches Küchendekor, moderne Trenddeko oder Landschaftsmotive, bei dieser Technik ist jedes Bild realisierbar.

Fliesen nach altem Vorbild – Unikatherstellung mit traditionellen Werkzeugen

Auch zur Herstellung alter Küchenfliesen nach historischem Vorbild kommen antike Techniken zum Einsatz. Der versierte Fliesenmacher benutzt das gleiche Werkzeug wie vor hunderten Jahren. Zunächst wird ein Tonrohling hergestellt und getrocknet. Arbeitswerkzeuge sind Messer und eine Maßplatte aus Holz. Genau wie früher kann die Fliese durch die richtige Schnitttechnik wieder fugenlos verlegt werden. Nach dem Trocknen wird die Kachel erstmals gebrannt (Bisquit). Nach dem Abkühlen übergießt sie die Fliesenmacher mit einer Zinnglasur, die ebenfalls nach altem Rezept zusammengesetzt ist. Danach wird das Motiv mittels Schablone aufgemalt. Winzige Pünktchen dienen als Hilfslinien für die auszumalenden Flächen. Als Farben verwendet man mit Metalloxiden gemischte Glasuren, die beim zweiten Brand mit der ersten Zinnglasur verschmelzen. Auch diese Fliesen sind Unikate, welche die persönliche Handschrift des Malers erkennen lassen. Die alten Techniken werden nur noch in wenigen Manufakturen angewendet. Diese Fliesen stammen meist aus Spanien, Portugal oder Italien und sind schwer vom Original zu unterscheiden.

Industrielle Fliesen – sehr ebenmäßig und motivreich

Bei industrieller Ware handelt es sich meist um Fotofliesen oder Fliesen mit keramischen Dekoren zum Aufbrennen. Auch hier sind unterschiedliche Glasuren möglich. Der Kunde kann zum Beispiel zwischen weiß, glänzend, opak oder matt wählen. Die Herstellungsweise neuer und alter Küchenfliesen ist nahezu identisch. Industriell geformte Fliesen besitzen jedoch völlig gleiche Ausmaße, bedingt durch die industriell vorgegebene Außenform. Bei handgeformten historischen Kacheln sind immer kleine Abweichungen vorhanden.


Bildnachweis: © Fotolia – sg2210

About Author

Marius Beilhammer

Marius Beilhammer, Jahrgang 1969, studierte Journalismus in Bamberg. Er schreibt bereits viele Jahre für technische Fachmagazine, außerdem als freier Autor zu verschiedensten Markt- und Businessthemen. Als fränkische Frohnatur findet er bei seiner Arbeit stets die Balance zwischen Leichtigkeit und umfassendem Know-how durch seine ausgeprägte Affinität zur Technik.

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