Farbsysteme in der Architektur

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Wer beruflich nicht mit Farbe zu tun hat, macht sich nur selten über diese Gedanken. Sie gehört zu unserem Leben dazu und begleitet uns von der Geburt bis zum Lebensende. Bei ihr handelt es sich um ein Naturphänomen, das durch Absorptionen, Brechungen und Reflexionen des Lichts erschaffen wird. Um uns herum besteht ein ganzheitliches Farbsystem, es sichert vielen Spezies das Überleben.

Farbsysteme und ihre Anwendung

So dient beispielsweise die Produktion von Farbstoffen durch Pflanzen neben der Photosynthese auch der Orientierung für unzählige Lebewesen, darunter Insekten, Säugetiere und Vögel. Sie werden durch diese gezielt angelockt, wodurch beispielsweise die Befruchtung und Ausbreitung gewährleistet ist.

Grundlage für unseren endlosen Farbreichtum: die Entwicklung synthetischer Farbstoffe  ( Lizenzdoku: Shutterstock- Alberto Masnovo  )

Grundlage für unseren endlosen Farbreichtum: die Entwicklung synthetischer Farbstoffe ( Lizenzdoku: Shutterstock- Alberto Masnovo )

Insekten fühlen sich von leuchtendem Gelb magisch angezogen.

Menschen folgen der intuitiven Einsicht in ein Symbolsystem, auf die sich unser Schönheitsempfinden für die Naturfarbigkeit begründet. Transformation und Erweiterung der natürlichen Farbordnung erfolgt durch uns, indem wir unseren Kulturraum farbig gestalten. Zu ihm zählen Dörfer, Städte, Gebäude, Parks und vieles mehr. Farbe gibt unter anderem in der Architektur die Möglichkeit, Differenzierung, Kategorisierung sowie Identifizierung zu erreichen.

Im Zuge der Industrialisierung entwickelte sich die Praxis systematischer Beschreibungen von Farbtönen in Form von Normvereinbarungen und Farbmustern. Von der Entwicklung synthetischer Farbstoffe profitierte die chemische Industrie – sie stellt heute über neun Millionen Tonnen Farbmittel pro Jahr her. Diese revolutionierten sowohl das Erscheinungsbild unserer Siedlungsräume als auch der Gebrauchsgüter.

Es galt, internationale Industriestandards bezüglich der Qualität der synthetischen Farbstoffe zu erfüllen. Um diese zu erreichen, mussten wissenschaftlich fundierte Farbsysteme entwickelt werden. Bereits im Jahr 1914 widmete sich der Nobelpreisträger Wilhelm Ostwald, beauftragt vom Deutschen Werkbund, intensiv seiner Forschungsarbeit. Sie hatte ein Farbsystem für die praktische Anwendung in Architektur, Handwerk und Industrie zum Ziel.

Insekten fühlen sich von leuchtendem Gelb magisch angezogen  ( Lizenzdoku: Shutterstock- Bk87_)

Insekten fühlen sich von leuchtendem Gelb magisch angezogen ( Lizenzdoku: Shutterstock- Bk87_)

Bedeutendste Farbsysteme in der Architektur

Für die Farbwahrnehmung gibt es drei grundlegende Eigenschaften:

  • Bunt-Ton
  • Helligkeit
  • Farbsättigung

Nach ihnen erfolgt die systematische Ordnung. Sämtliche Farbsysteme präsentieren sich mit einem dreidimensionalen Koordinatensystem-Aufbau, wobei die Achsen nach dem Polaritäts- bzw. Gegensatzprinzip funktionieren. Je nach Verwendung kommen Kegel, Kugeln, Rhomboeder oder Würfel zum Einsatz.

Es gibt drei Skalen, auf denen sich folgende Farben gegenüberstehen:

  • Helligkeitsskala – Hell und Dunkel bzw. Weiß und Schwarz
  • Sättigungsskala – je ein Grau- und ein Bunt-Ton
  • Bunt-Tonskala – Gelb und Blau sowie Rot und Grün

Letztere sind physiologisch bestimmte Grundfarben, sie stehen sich komplementär gegenüber. Die Bunt-Tonskala ist oft in Form eines Farbkreises angeordnet. Unter Komplementarität sind zwei Farbtöne zu verstehen, die einen maximalen Kontrast in der Gegenüberstellung aufweisen sowie in der Vermischung einen unbunten Grauton erzeugen.

Die Bestimmung beliebig vieler Mischfarbtöne auf den Skalen ist möglich. Sie werden nach dem Prinzip der Gleichabständigkeit von Probanden überprüft und an das Empfindungsspektrum unseres visuellen Wahrnehmungssystems angepasst. Zumeist liegt im Mittelpunkt des Farbkreises ein unbuntes, mittleres Grau, das sich zum Schwarz abdunkelt. Eine Aufhellung zum Weiß findet sich auf der anderen Seite.

Das RAL-Design-System sowie das Natural Colour System sind die beiden bedeutendsten Farbsysteme für die Architektur. Gleiches gilt für Baubehörden, Denkmalpflege, Design, Handwerk und Stadtplanung. Sowohl für RAL Design als auch NCS stehen Farblesegeräte im Angebot. Mit ihnen lassen sich Farbbezeichnungen an realen Oberflächen decodieren. Als praxisorientierter gelten Farbfächer, sie stellen das zuverlässigere Werkzeug dar. Grund dafür ist, dass Alterungserscheinungen sowie Oberflächenmerkmale zu Abweichungen bei der Digitalisierung des vorgefundenen Farbtons führen.

Burano, eine Lagunen-Insel von Venedig, ist für ihre bunten Fischerhäuser bekannt.  ( Lizenzdoku: Shutterstock- StevanZZ  )

Burano, eine Lagunen-Insel von Venedig, ist für ihre bunten Fischerhäuser bekannt. ( Lizenzdoku: Shutterstock- StevanZZ )

Systeme NCS und RAL-Design

Im Privatbereich, beispielsweise bei der Wohnzimmergestaltung, können wir uns vor allem auf unser eigenes Farb- und Geschmacksempfinden konzentrieren. Ein kompetenter Architekt hingegen steht vor einer deutlich größeren Herausforderung, die weit mehr als nur die Gebäudetechnik betrifft. Wie zuvor bereits kurz angeschnitten, sind die Systeme NCS und RAL-Design die wichtigsten ihrer Art in der Architektur, weshalb wir uns nachstehend näher mit ihnen befassen.

Natural Colour System

Das System des „Ostwaldschen Doppelkegels“, der einen Rotationskörper mit dreieckiger Form beschreibt, stellt die Basis des Natural Colour Systems dar. Dieser Kegel setzt sich aus zwei Dreiecken mit demselben Farbton zusammen, deren Seiten sowohl durch Schwarz und Weiß als auch einem spezifizierten Bunt-Ton definiert werden. Sie weisen eine Zusammensetzung aus einzelnen Tönen mit unterschiedlicher Helligkeit sowie Farbsättigung auf. Jeder Farbton des NCS besitzt eine genau definierte Stelle im Farbsystem und lässt sich eindeutig verorten.

So verweist beispielsweise die Bezeichnung NCS 1050 – R50B auf ein Violett mit einem zehnprozentigen Schwarzanteil sowie einer Farbsättigung von 50 Prozent (1050). Dieses befindet sich mittig zwischen Rot und Blau (R50B). Mit dem Faktor 10 lassen sich in sämtliche Richtungen des NCS-Farbraumes numerische Abstufungen vornehmen. Insgesamt birgt das System 1.950 Farbtöne – im Handel befindet es sich als Farbfächer und -atlas sowie Musterkarte.

RAL-Design-System

Das RAL-Design-System besteht aus – nach dem CIELab-Farbraum angeordneten – 1.625 farbmetrisch gleichabständigen Farbtönen. Es handelt sich um einen wahrnehmungsbezogenen Farbraum, der heutzutage Industriestandard und für Farbmessgeräte einfach lesbar ist. Dieser ermöglicht die stufenlose Berechnung von Farbtönen, sie sind in andere Farbräume (z.B. CMYK, HASB oder RGB) konvertierbar.

Jeder einzelne Farbton verfügt über eine eindeutige Kennung, aus der sich folgende Faktoren ablesen lassen:

  • Grundfarbton (Farbkreis 0 – 360°)
  • CIELAB-Helligkeit (Skala 0 – 100 zwischen Schwarz und Weiß)
  • Sättigung oder Chromatizität

Beispielsweise RAL 190 30 90 steht für ein dunkles Blaugrün mit einer Helligkeit von 30 (gering) und einer Sättigung von 90 (hoch). Das System RAL-Design ist gleichfalls als Farbfächer, -atlas sowie Musterkarte erhältlich.

Farbsysteme stoßen in der Architekturpraxis auf Grenzen

Man verzichtet aufgrund der Praktikabilität auf die Erfassung zahlreicher qualitativer Eigenschaften der Farbe, darunter:

  • Glanz
  • Farbtiefe
  • Intensität
  • Leuchtkraft
  • Reinheit
  • Struktur
  • Stumpfheit
  • Transparenz

Damit ist der Aussagewert für die architektonische Praxis eingeschränkt, denn

  • Absorption von Licht,
  • Alterserscheinungen,
  • Größenverhältnisse,
  • Nachbarschaftseinflüsse,
  • Oberflächenwirkungen,
  • Reflektion,
  • Transmission sowie
  • Unregelmäßigkeiten

können damit nicht erfasst werden. Durch vorstehende Ausführungen lassen sich die Grenzen und Anwendungsmöglichkeiten der Farbsysteme für die Architekturpraxis erkennen.

Die faszinierendsten Farbspiele finden sich in der Natur. ( Lizenzdoku: Shutterstock- Yevhenii Chulovskyi )

Die faszinierendsten Farbspiele finden sich in der Natur. ( Lizenzdoku: Shutterstock- Yevhenii Chulovskyi )

Starker Einfluss natürlicher Bedingungen auf Farbwirkungen

Die perfekte Wechselwirkung von Lichteinfluss und Materialfarben bestimmen ein ästhetisch wirkendes Gesamtbild. Auf dieses haben sowohl das Wetter und der Winkel der Sonne als auch die Jahres- sowie Tageszeit Einfluss.

Heute stellen Architekten überwiegend durch die Nutzung von Computern Aufstriche und Farbdrucke her. Sie müssen sämtliche Faktoren kennen und in der Lage sein, räumliche Wirkungen beurteilen zu können – ansonsten geht der Aussagewert verloren. Deshalb besitzen ausschließlich Musterflächen Farbverbindlichkeit, die am Einsatzort unter den tatsächlichen Bedingungen betrachtet werden.

Selbst in diesem Fall besteht ein Planungsrisiko: Wirtschaftliche und praktikable Gründe führen dazu, dass nur einige Varianten bemustert werden können. Ihre Bestimmung erfolgt anhand von Farbsystemen und -sammlungen. Darüber hinaus lässt sich die ästhetische Wirkung von Farbe im Raum an großen Musterflächen nur eingeschränkt kontrollieren.

Denn Fakt ist: Es besteht eine wechselseitige Beeinflussung der einzelnen Farbtöne, sie verändern sich mit ihrer Lage im Gesichtsfeld sowie ihrer Ausdehnung. Gleichfalls wandelt sich mit dem Betrachter-Standpunkt vor Ort die gesamte Materialästhetik – es ist unmöglich, dies mit Computersimulationen zu erfassen.

Über den Autor

Rebecca Liebig

Rebecca Liebig ist gerade im achten Monat schwanger. Voller Vorfreude auf ihr Baby genießen sie und ihr Mann die spannende Zeit. Von der ersten Übelkeit bis hin zu den Bewegungen ihres Mädchens halten sie alles fest. Schließlich möchte man sich später ja auch an diese Zeit erinnern. Bei der Planung des Kinderzimmers gehen die Vorstellungen zwar auseinander. In einem sind sich Rebecca und ihr Mann jedoch einig: Die aufregende Zeit wollen sie so richtig genießen. Rebecca plant, drei Jahre mit ihrer Tochter zu Hause zu bleiben. Auch ihr Mann möchte zwei Monate Elternzeit nehmen.

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